In vielen indigenen Kulturen dienten Schamanen dem Sterbenden als Führer; sie reisten mit ihm vom Land der Lebenden ins Land der Toten. In manchen afrikanischen und indianischen Traditionen erscheint beim Sterben der Rabe, der mit seiner guten Sehkraft den Toten auf seiner letzten Reise leitet. In der griechischen Mythologie war es passenderweise Hermes, der Reisegott, der die Seele von diesem Leben in den Hades und damit das Reich der Toten führte. Die phosphoreszierenden Lichter, die in Wales ‚corpse candles’ und in Irland und Nordengland ‚fetch candles’, also ‚Leichen’- bzw. ‚Geisterkerzen’ genannt werden und dem Volksglauben nach über den Dächern von Häusern schweben, in denen ein Tod bevorsteht, oder über dem Körper von Sterbenden erscheinen, begleiten angeblich die Seelen der Verstorbenen und erlöschen, wenn die Seele die Erde verlässt.

Einige religiöse Traditionen verfügen über komplexe Rituale, die von der Seele beim Sterben ausgeführt werden sollen. Das Ägyptische Totenbuch und die Texte auf altägyptischen Sarkophagen gaben detaillierte Anweisungen für die Reise der Seele ins nächste Leben. In der Tradition des tibetischen Buddhismus leiten Mönche die Seele des Sterbenden durch den Tod in ihre nächste Inkarnation. Bei den Christen bilden Schutzengel die traditionelle Eskorte der Seele auf dem Weg ins Paradies. Das Grab des heiligen Franz von Assisi zeigt ihn, wie er im Augenblick des Todes seine Arme einer Schar von Engeln entgegenstreckt, die zu seiner Begrüßung erschienen sind; und bei römisch-katholischen Bestattungen erklingt noch immer die alte Hymne „In Paradisum“, in der die Engel dazu aufgerufen werden, die Seele in den Himmel zu begleiten. Auch in Teilen Indonesiens sind aufwendige Bestattungen mit komplexen Ritualen noch immer erforderlich, denn man glaubt, dass die Seele bei der ersten Beisetzung noch eine Zeitlang in der Nähe der Lebenden verweilt und erst nach angemessenen Ritualen der Familie das Land der Geister erreicht. Auf der indonesischen Insel Ostsumba werden beim Tod eines Edelmanns ein Hahn und ein Pferd geopfert – der Hahn soll die Seele wecken, damit sie sich für die Reise bereit macht, und das Pferd soll die Seele auf ihrer Reise ins Land der Toten begleiten. Der Verstorbene wird prachtvoll gekleidet und in eine Hockstellung gebracht, Goldstücke und Schmuck bedecken seine Augen, seinen Mund und seine Brust. Die Praxis, mit dem Toten einen Schatz zu vergraben, hat dazu geführt, dass Gräber – vor allem solche von Königen oder wohlhabenden Personen – schon immer ein Ziel von Grabräubern waren. Der älteste bekannte Goldschmuck – er stammt aus der Zeit um 3000 v. Chr. – wurde in den Gräbern der sumerischen Königinnen Zer und Puabi von Ur entdeckt; die größte und wahrscheinlich bekannteste Gold- und Schmucksammlung der Welt fand man im Grab Tutanchamuns (2. Jahrtausend v. Chr.). Als sich das Christentum überall auf dem europäischen Kontinent ausbreitete, hörte man auf, die Toten mit ihrem Geschmeide zu bestatten; allerdings geht das Gerücht, Papst Johannes Paul II habe sich bei seinem Tod im Jahr 2005 ebenfalls mit einem Goldstück unter der Zunge beisetzen lassen.

Historisch sind Sterbebettvisionen in der westlichen Welt fest im christlichen Glauben an die Auferstehung und die Gemeinschaft der Heiligen verwurzelt, das heißt dem fortdauernden Einwirken der Toten auf das spirituelle Wohlergehen der Lebenden. Christlichen Berichten über das Leben der Jungfrau Maria aus dem 3. Jahrhundert zufolge erschien Christus ihr, um ihr zu sagen, dass die Stunde ihres Todes nahte, und sie in die Herrlichkeit Gottes zu führen. Auch Geschichten über frühchristliche Märtyrer und Heilige erzählen von Besuchen durch Christus, Maria oder einen anderen Heiligen, die ihnen ihren bevorstehenden Tod verkünden und sie in den Himmel geleiten. Eine der ersten schriftlichen Aufzeichnungen über eine solche Vision stammt von dem englischen Historiker Beda Venerabilis, der im 8. Jahrhundert lebte. Er schrieb über eine sterbende Nonne, die auf dem Totenbett von einem kürzlich verstorbenen heiligen Mann besucht wurde. Dieser sagte ihr, sie werde in der Morgendämmerung sterben, und so geschah es tatsächlich. Mittelalterliche Texte wie der Dialogus miraculorum („Dialog über die Wunder“) des deutschen Mönches Caesarius von Heisterbach aus dem 13. Jahrhundert erzählen ähnliche Geschichten, aber immer in einem theologischen Kontext.

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