Wäre es möglich, dass die spirituellen Erfahrungen Sterbender beweisen, dass der „bleiche Geist“ dem Scheiterhaufen tatsächlich entkommt und den Tod des materiellen Körpers überlebt? Und selbst wenn sie es nicht beweisen – folgt daraus, dass sie die sehr viel trostlosere Meinung Pascals stützen? [Anmerk.: Blaise Pascal war ein franz. Mathematiker, Physiker, Literat und Philosoph]

In fast allen Religionen und Kulturen glaubt man, dass irgendein Aspekt der menschlichen Existenz nach dem Tod weiterlebt. Seit Menschen bewusst ist, dass sie sterben werden, haben sie darüber nachgedacht, ob sie den Tod überleben, und sich gefragt, was nach ihm geschieht.

Das, was wir „Seele“ nennen, hat allerdings im Lauf der Geschichte nicht immer dasselbe bedeutet wie heute; der Sinngehalt des Begriffs und der Idee dahinter haben sich verändert. Die meisten Jäger- und Sammler-Gruppen besaßen eine sehr vage Vorstellung von der menschlichen Seele. Die australischen Aborigines trennen nicht zwischen Heiligem und Weltlichem, Mensch und Natur. Die Menschen eines Clans oder einer Region hatten als mythischen Ahnen ein Totem in Gestalt einheimischer Tiere oder Pflanzen. An diesem Totem orientierte sich ihr Leben. Sie glaubten, die menschliche Seele bestehe aus mehreren Teilen, die sich zwei großen Kategorien zuordnen lassen: Die erste ist dem westlichen Ich vergleichbar – eine selbsterschaffene autonome Instanz, die den Körper begleitet und die Identität einer Person ausmacht. Die zweite kommt aus der „Traumzeit“ und/oder von Gott. Sie manifestiert sich an den überlieferten Totemplätzen der Ahnen in der Umgebung, und ihre Kraft beseelt die Menschen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens. Beim Tod hält sich die Ego-Seele zunächst als gefährlicher Geist in der Nähe des Körpers und der Habe des Verstorbenen auf, aber schließlich endet ihre Existenz. Die Ahnen-Seele indes ist ewig. Sie kehrt in die Umgebung und an den konkreten Ort mit seinen rituellen Requisiten zurück, die mit den jeweiligen Totemwesen und oder Gott assoziiert werden.

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Die mit dem Tod zusammenhängenden Rituale sollen sicherstellen, dass der Geist die Geisterwelt ungefährdet erreicht und nicht zurückkehrt, um die Lebenden zu quälen. Der Glaube an ein Fortdauern des Lebens in anderer Form ist also allgegenwärtig; der Tod ist demzufolge nur ein Übergang. Die Qualität des zu Ende gegangenen Lebens hat keinen Einfluss auf das Wohlergehen im Jenseits.

Die Ureinwohner Nordamerikas, die Stammesgruppen der Athabasken in Alaska und Nordwest-Kanada – die Vorfahren der Navajos und Apachen – glaubten überwiegend ebenfalls an eine mehrteilige Seele; der gute Teil geht beim Tod in die andere Welt über, während der böse eine Zeitlang in der Nähe des Körpers bleibt und dazu neigt zurückzukommen, um den Lebenden zu schaden. Wie die meisten Jäger- und Sammler-Gruppen hatten sie relativ vage Vorstellungen vom Jenseits. Zu ihnen gehörte unter anderem der Glaube, dass die Seele des Verstorbenen in einem Kanu aus Stein ins Totenreich gebracht wird. Wenn der Verstorbene ein schlechter Mensch gewesen war, sank das Kanu; er stand bis zum Hals im Wasser, konnte sich nicht von der Stelle bewegen und erreichte die letzte Ruhestätte der Seele nie. Einige Gruppen hielten auch eine Reinkarnation für möglich – als Tier, mit einem anderen Geschlecht oder in einem anderen Clan –, vor allem, wenn jemand jung starb.

Auch die Navajo glauben an eine zweigeteilte Seele. Der eine Teil wird mit dem Atem oder dem Wind assoziiert, der andere mit einer schatten – haften Wesenheit, die eine Zeitlang in der Nähe des Körpers bleibt und für die Lebenden zur Gefahr werden kann. Hier muss man sich fragen, ob die Vorstellung von einer „schattenhaften Wesenheit“ entstanden ist, weil damals – genauso wie heute – gelegentlich die zuvor beschriebenen wolkenartigen, rauchähnlichen Phänomene berichtet wurden. Die Vorstellungen vom Jenseits und dem, was nach dem Tod mit der menschlichen Seele geschieht, sind uneinheitlich. Einer Auffassung zufolge gibt es ein Jenseits, in dem einige Elemente der persönlichen Identität behalten werden, und eine Gottheit der Unterwelt. Einer anderen Meinung zufolge gibt es kein Jenseits; vielmehr ist die Seele Teil der ursprünglichen Lebenskraft und der schöpferischen Macht des Kosmos; unsterblich wird der Einzelne nur durch seine Nachkommen. Beim Tod wird die Seele von der Persönlichkeit „reingewaschen“ und kehrt in einen undifferenzierten Seelen-Pool zurück. Die Auffassung von der Unterwelt ist bei den Navajo besonders düster: Eine viertägige Reise führt an einen chaotischen, gefährlichen Ort unter der Erdoberfläche, an dem die Seelen der Toten wohnen; verstorbene Angehörige führen den Toten dorthin. Die trostlose Reise spiegelt zum einen die negative Einstellung der Navajos zum Tod und allem, was mit ihm zusammenhängt – am liebsten würden sie ihn ausblenden; zum anderen finden sich interessante Anklänge an die zuvor geschilderten Sterbebettvisionen.

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